Rezensionen

Elias Schneitter: Venedig. Jugendoman.
Innsbruck: Kyrene 2010. 88 Seiten. EUR 8,50. ISBN 978-3-900009-69-6

 

Die Welt der Jugendlichen ist gefüllt von Sehnsucht und Melancholie, darin gleicht sie der Welt der Erwachsenen aufs Haar.
Elias Schneitter nennt seinen Sehnsuchts-Roman „Venedig“. Das wirkt wie ein Losungswort, das die Lösung aller Probleme verspricht.
Ein 15-jähriges Girl formuliert als Ich-Erzählerin sein Lebensprogramm in inneren Monologen, delirierenden Trink-Sequenzen und SMS-ähnlichen Botschaften an die Freundin Melissa. Das Leben verläuft um diese biographische Zeit abenteuerlich ungelenk und ruckartig in wachen, dann wieder düsteren Sequenzen.
Peripher spielt die Schule noch eine Rolle, aber eigentlich dient sie nur dazu, dass man sich selbst Entschuldigungen schreibt und Schule schwänzt.
Ein guter Tag beginnt mit einem Getränk und endet mit schwerem Kopf im Kreisverkehr des eigenen Bettes. Ein guter Tag ist strukturiert nach Lokalen, an denen man ordentlich abhängen kann, während man sich alkoholisch auffüllt. Zuerst geht es in der Stadt in das berühmte Wiener, worin ganze Jahrgänge von Schulschwänzern sitzen. Gegen Abend hin gibt es dann noch einen Abstecher ins Lentsch, denn in dieser öden Dorfsiedlung ist außer dem Lentsch nichts los, so dass man an einem Ort alle trifft, die noch einen Hauch Lebensgeist in sich haben.
Die Probleme reichen von der richtigen Kleidung, über das richtige Aussehen bis hin zur richtigen Sprache, mit der man die Boys in interessante und fade Typen einteilen kann. Zwischendurch rutscht einem auch ein Geschlechtsverkehr heraus, der durchaus Angst machen kann, zumal die Verhütung nicht stimmt.
Manchmal wird die Zeit so fad, dass sich die Erzählerin wieder in die Schule wünscht. Das Leben kann nämlich mitten im Tag stehen bleiben und versickern, wenn man es nicht immer wieder mit etwas Sprit antreibt.
So mehr als Floskel denn als überlegter Gedanke taucht plötzlich der Wunsch auf, nach Venedig zu fahren. Endlich hat das Leben einen Sinn, denn die Erzählerin und ihre Freundin können alle Sehnsucht in dieses Wort hineinlegen: Venedig.
Elias Schneitter erzählt dokumentarisch genau, was sich so alles bei 15-jährigen abspielt. Jeder Satz und jede Fügung sind Zitate jener Sätze, wie sie in Bussen, in Kaufhäuser oder auf Gehsteigkannten vorkommen, wenn Jugendliche beisammen stehen, während die Erwachsenen mit großen Ohren daran vorbei gehen.
„Jus macht Schluss mit lästigen Subjekten“, (38) sagt etwa ein angehender Jus-Student.
Der Jugendroman erzählt gnadenlos genau von einer Jugend, der die Erwachsenen ein Rätsel sind. So erfährt die Erzählerin von der Oma nichts außer der Farbe der Stuhlgänge. (45)
Venedig ist ein ironisches Erzählunterfangen, in dem jedes Wort stimmt. Nachdenklichkeit geht in Gelächter über, während man als Leser lacht, wird einem schon wieder der Boden der Fröhlichkeit entzogen und der nächste Kübel der Transzendenz über den Kopf gestülpt. – Aufregend.

Helmuth Schönauer 23/06/10

Elias Schneitter: Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters. Prosa. Mit Zeichenblasen, Girlanden und Vignetten von Hans Pfefferle.
Innsbruck: Skarabaeus 2009. 151 Seiten. EUR 17,90. ISBN 3-7082-3271-3

 

Szenen einer Dichterexistenz
Elias Schneitter und seine Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters

Allein der Titel ist Poesie. Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters. Und Programm. Elias Schneitter ist wohl der einzige österreichische Beatnik und er zeigt mit seinem neuen Buch einmal mehr, dass diese Literatur ausgesprochen lesbar ist. Und nochmal: Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters. Quasi On the road (Kerouac) in der Provinz, denn das Café Central ist eine literarische Institution in Innsbruck und die Dichter gehen dort ein und aus, konsumieren „einen wiener suppentopf und ein himbeer-soda“ (S. 1) und reden über Frauen und Literatur.

Das sind auch die zwei flatterhaften Themen, um die das Buch kreist. Der Erzähler erhält zwei Kisten aus dem Nachlass des Central Dichters – Skizzen, Gedanken, Verweise – und Elias Schneitter montiert diese Skizzen, streut Erzählersentenzen darunter, aufgeschnappte Dialoge und sonst noch Erstaunliches und Bemerkenswertes, ein fließendes Gewässer rund um Literatur und Zitate und Hinweise. Dazu passend auch der Flattersatz, in dem der Text gesetzt ist, Kleinschreibung, wahllose Absätze, die ein lyrisches Moment einbringen, aufgelockert und ergänzt durch zeichnerische Einsprengsel, Zeichenblasen, Girlanden und Vignetten von Hans Pfefferle. Das alles ist ein literarischer Kosmos, der immer auch über die Literatur selbst hinausweist. Etwa durch den permanenten Hinweis auf literarische Vorbilder wie Raymond Queneau oder immer wieder Giorgio Voghera. Eine literarische Schnitzeljagd auch, denn Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters ist nach Notizen zu einer Biografie aus dem Umfeld des Centraldichters und Augenblicke einer  Biographie, in der Giorgio Voghera schon seine Finger im Spiel hat (beide im Verlag Skarabaeus) quasi das letzte Stück eines literarischen Triptychons, denn im aktuellen Buch wird der Central Dichter am Ende gar zu Grabe getragen.

Aber Achtung, nichts scheint hier so, wie es tatsächlich ist, und umgekehrt. Das Begräbnis des Central Dichters taucht nur im „traum eines mannes auf“ und gar so rätselhaft ist das Verschwinden des Central Dichters dann doch nicht, denn er hinterlässt zwar dem Erzähler seine zwei Kisten Nachlass, lässt aber gleichzeitig seinen Anwalt einen eingeschriebenen Brief schicken, „in dem mich [den Erzähler] die figur des central dichters wissen lässt, dass ich hinkünftig auf ihn zu verzichten hätte, weil er ansonsten auf den nächsten seiten meines buches unter anwendung von gewalt (sogar mit waffengewalt) auf mich loszugehen beabsichtige“ (S. 25). Ein Vexierspiel. Seine eigene Figur lässt den Erzähler etwas wissen, das ist genau der Humor und Kniff, der das Buch von Elias Schneitter so unterhaltend macht. Und kurz darauf: „das ist also der dank einer romanfigur dafür, dass man es immer nur gut mit ihr gemeint hat, denke ich“ (S. 26).

Dabei ist vollkommen klar, dass Literatur meistens im Kaffeehaus passiert: „im prückel erzählt mir erich hackl vom superbarrio aus südamerika, der mit maske in den armenvierteln auftrat und die gesetzeshüter in rage brachte“ (S. 111). Oder: „dein drehbuch mit dem unterschiedlich geklonten personal ist keine schlechte idee, sagte der orf-mann zum drehbuchautor im café central in innsbruck, nur zu wenig intellektuell, andererseits aber auch zu wenig unterhaltsam“ (S. 110). Und immer wieder die Frauen: „sexuelle handlungen betrieb er ausschließlich an fremden frauen. was ich liebe, will ich nicht durch nähe zerstören, hat giorgio voghera eines tages zu linuccia im café giulia gesagt.“ (S. 124). Manchmal treffen sich die zwei Themen aber auch: „frauen muss man laufend wechseln, denn ich esse auch nicht jeden tag ein wiener schnitzel. das sagte josef vor vielen jahren im sportcafé in der kirchstraße zu mir, ehe er nach portugal auswanderte“ (S. 63).

Dabei geht es nicht nur amüsant zu, Literatur hat schließlich auch ihre ernsten Seiten, sagt der Central Dichter, sagt der Erzähler, sagt Elias Schneitter: „er mag ausschließlich bücher, die ihn aus den angeln heben“ (S. 109).

Dazu passt auch die Geschichte eines Dichters, der so „große dichtkunst schaffen“ (S. 115) wollte, der seine Ansprüche so hochschraubte, dass er nie eine einzige Zeile schrieb. In seinem Testament verfügte er aber, dass „nichts von seinem werk publiziert oder für forschungszwecke verwendet werden darf“ (S. 116), was den Nachlassverwalter stutzig macht, da es gar keinen Nachlass gab. „ein seltsamer mensch, dachte sich der nachlassverwalter, und versah den akt mit stempel und unterschrift“ (S. 116). Der Erzähler selbst begibt sich gegen Ende des Buches mit den Skizzen des Central Dichters selbst auf die Spuren von Jack Kerouac, indem er die Zettel des Dichters auf eine Rolle klebt („auf diese siebenunddreißig meter lange scroll“ (S. 150) und am nächsten Kirschbaum aufhängt. Kerouac hat ja laut Legende innerhalb dreier Wochen seinen Roman On the road auf eine aus zurechtgeschnittenen Bögen Zeichenpapiers zusammengeklebte Rolle geschrieben, um sich während des Schreibflusses nicht um den Blattwechsel bemühen zu müssen.

Auch das ist Literatur, die von der Dichterexistenz ja gar nicht zu trennen ist. Skurril und ein wenig seltsam. Elias Schneitter ist mit Skizzen einer Biografie rund um das Verschwinden des Central Dichters ein wunderbares Buch über die Vielfalt der Literatur und deren Dichter geschrieben; so unterhaltsam kann das sein, aber „verkühlen sie sich nicht im zug, raten die eisenbahner“ (S. 38). Genau.

Bernd Schuchter (für das Online-Magazin des Literaturhaus Wien)

 

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